Resumé

Es war... anstrengend. Ja, ich denke, das Wort anstrengend trifft es ganz gut. So viele Leute, mehr als die Hälfte davon unbekannt, der Rest z.T. nur flüchtig bekannt. So oft die Hand geben, "Hallo" sagen, freundlich lächeln.

Es war aber auch verletzend. Wenn meine Großtante, deren Feier es ja war, meinen Bruder ständig umarmt, gedrückt usw. hat, und dabei immer wieder laut und lachend sagte: "Mein lieber D." Mich behandelte sie wie immer eher halbherzig, umarmte mich nur dann, wenn es nötig war, wie bei der Begrüßung, bei der Geschenkübergabe etc. Als sie dann noch neben meiner Oma saß und zu ihr sagte: "Ich verstehe nicht, warum Sara nicht auch mal zu den beiden Mädels geht und mit denen quatscht", hätte ich am liebsten fluchtartig den Raum verlassen. Klar, meine beiden Großcousinen sind liebe Mädels, und das ein oder andere Wort habe ich ja auch mit ihnen gewechselt - eben wenn es sich ergeben hat. Aber zu ihnen hingehen, mir einen Stuhl heranziehen und mich dazu setzen? Kam gar nicht infrage, ich hätte auch nicht gewusst, was ich sagen sollte. Ich hörte meine Oma noch sagen "Dazu ist sie zu schüchtern", dann wandte das Thema sich wieder meinem Bruder zu. "Er ist da ganz anders", meinte meine Großtante, "von wem er das wohl hat."

Im Laufe des Tages/Abends wurde mein Bruder immer schlimmer. Mit steigendem Alkoholpegel stieg auch sein Bedürfnis, sich in den Vordergrund zu drängen und er konnte es mal wieder nicht lassen, einen auf Alleinunterhalter zu machen. So schlimm wie gestern war es glaub ich noch nie. Oder ich habe es einfach verdrängt. Alle bewunderten ihn, lachten mit ihm, während das stille Mäuschen immer fein mit der Kamera um ihn herumtanzen durfte, damit auch ja festgehalten wurde, woran er sich sonst vielleicht am nächsten Tag nicht mehr erinnern konnte. Er hat es natürlich geschafft, sich mit unseren Großcousinen zu unterhalten, warum sollte er auch nicht? Er ist ja auch normal, er ist ja auch das krasse Gegenteil von mir, das mir immer wieder zeigt, wie ich auch sein könnte, aber nie sein werde.

Manchmal habe ich mich gestern - wieder mal - gefragt, warum ich die scheiß Gene bekommen hab, und er die guten. Warum er so anders erzogen worden ist, als ich es bin. Eine Antwort auf diese Frage gibt es nicht, und ich konnte nichts tun, außer mir immer wieder zu sagen:

Jeder ist, wie er eben ist.

Und das ist doch gut so. Würde sich jeder so in den Vordergrund drängen wie er, dann gäbe es ja niemanden mehr, der sich unterhalten lässt. Der seinen Hunger auf Aufmerksamkeit stillt. Und wären alle so, wie ich es bin, dann bräuchten solche Feiern ja gar nicht mehr statt zu finden. Dann würde jeder in der Ecke sitzen und vor sich hinschweigen. Das wäre auch nicht richtig, irgendwie.
Aber das ist ja doch keine Antwort auf meine Frage, warum gerade ich die Schweigsame bin und er der Unterhaltungsclown...

Trot zallem ist mir noch etwas klar geworden: Ohne Alkohol geht es bei ihm auch nicht. Ohne Alkohol ist er auch anders, aber davon merken die anderen ja nichts, weil er sich bei jeder Gelegenheit betrinkt. Aber heute, ohne Alkohol, war er auf einmal ganz ruhig und in sich gekehrt. Und was nützt es mir, so zu sein, wenn ich dafür jedes Mal ein paar Drinks brauche?

Es war ein schwieriges Wochenende, ich bin froh, dass es jetzt vorbei ist. Dass ich jetzt wieder für mich bin, nachher gleich ins Bett gehen kann (Ich habe schlecht geschlafen, natürlich hat Brüderchen geschnarcht, so voll wie er war...) und mich morgen in Eriks Arme kuscheln und das Wochenende einfach vergessen.
17.1.10 20:55
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Die von schlechten Eltern / Website (17.1.10 21:18)
Ich verfolge deinen Blog ab sofort regelmäßig, habe ich beschlossen. Ich kann deine Probleme nachvollziehen und es berührt mich, und es tröstet mich auch ein wenig, dass es Menschen gibt die in ähnlichen Situationen ähnlich (vermeintlich "anders") handeln und reagieren.

Ich frage mich auch immer, warum ich die falschen Gene abbekommen hab...

Ich kann auch nachfühlen wie es ist, nicht mit allen reden zu können oder zu wollen, nicht so weltoffen zu sein. Aber du hast schon Recht. Bei sehr vielen gründet diese Offenheit einfach nur aus Alkohol, und das ist irgendwie auch ein Armutszeugnis.

Ich hoffe die Woche wird angenehmer für dich...


Lisa. / Website (17.1.10 22:25)
Naja das ist eben so (mit Ana und SVV), obwohl ich es echt sehr schlimm finde. Bin wieder off, lese deinen Eintrag evtl morgen, wenn ich on bin
Bis dahin liebe Grüße, bzw. gute Nacht


Sab / Website (18.1.10 12:50)
Mir geht es ähnlich. Vorallem früher. Mein Bruder war früher völlig anders. Er ging auf andere Kinder zu, spielte, tobte und erzählte, während ich lieber bei meiner Mutter saß. Ich kenne das ganze Gerede der Verwandten daher nur zu gut. Hach, er ist ja das ganze Gegenteil und spielt so schön, und die anderen auch und bla...
Mittlerweile bin ich weiter und reifer als mein Bruder.
Aber die Partyclowns kenne ich auch... Ich hab' sie mal beneidet und mir gewünscht ich könnte auch so sein. Aber weißt du, mittlerweile will ich das gar nicht mehr. Ich will nicht so sein, dass man mit mir nur guten Spaß haben kann, wenn ich betrunken bin. Ich will kein Schreihals und Alleinunterhalter sein. Da führe ich viel lieber nette, tiefe Gespräche mit Leuten die mir sympathisch sind. Und automatisch sympatisch sind mir stillere Leute...

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