Arztbesuch.

Ich konnte mich nicht darum drücken, ich musste heute zum Arzt. Mein Hals schmerzte derart, dass ich kaum noch schlucken konnte, ich habe mich nachts mehrfach übergeben müssen und hatte Fieber. Erik hat mich gedrängelt, zum Arzt zu gehen, genau so meine Eltern. Ich musste, ja, ich musste.

Als ich mit dem Auto auf den Parkplatz fuhr, ging es mir schlecht, extrem schlecht. Schlechter als diese Nacht, schlechter als den ganzen Tag. Das schlimmste war, dass ich nicht zu meinem eigentlichen Arzt gehen konnte, sondern zu einem Vertretungsarzt musste. Ich kannte die Praxis nur ein Stück weit, was meine Angst noch verstärkte.

Ich ging an die Anmeldung, die zwei blonden Schwestern beachteten mich kaum. Ich stand schweigend vor ihnen, bis sie leicht genervt aufsahen. Dann drückte ich ihnen meinen Praxisgebührbeleg und meine Chipkarte in die Hand. Gesagt habe ich nichts, außer einem schüchternen "Hallo", bis die eine von beiden sagte: "Es ist viel Betrieb heute. Setzen Sie sich ins Wartezimmer."

Das tat ich, erleichtert, die erste Hürde überstanden zu haben, wenn auch mehr schlecht als recht. Dann ging ich rein, warf ein "Guten Tag" in den Raum und setzte mich ans Fenster. Dort blieb ich geschlagene zwei Stunden sitzen, bis die letzte, die noch vor mir dran war, aufgerufen wurde.

Meine Nervösität war unterdessen ins Unermessliche gestiegen. Gleich würde ich aufgerufen werden, und dann musste ich aufstehen und ins Sprechzimmer gehen. Aber ich wusste noch nicht einmal, wo das überhaupt war, immerhin war ich noch nie hier gewesen. Dann malte ich mir aus, wie ich in der Praxis umherirren würde, auf der Suche nach dem richtigen Zimmer. Außerdem würde ich dann der fremden Ärztin erzählen müssen, was mir fehlte. Im Moment fehlte mir nur eins: Ich wollte ganz, ganz, ganz schnell wieder dort weg! In dem Moment glaubte ich, das allein würde reichen, um mich wieder gesund zu machen. Was natürlich Schwachsinn war, aber meine Psyche lenkte mich erfolgreich von meiner Krankheit ab. Ganz plötzlich war es soweit: "Frau S. bitte." Ich stand hastig auf und verließ das Wartezimmer.

Unsicher ging ich dorthin, wo alle anderen Patienten auch hingegangen waren. Dann stand ich vor zwei Türen, die beide geöffnet waren. Unklar, in welches Zimmer ich gehen sollte, blieb ich davor stehen. Eine Schwester lächelte mich freundlich an, und sagte: "Ins linke Sprechzimmer, bitte." Ich ging rein, sah die Ärztin, die gerade telefonierte. Also setzte ich mich wortlos hin. In Gedanken ging ich immer wieder durch, was ich sagen wollte. Sie redete und redete am Telefon. Dann, plötzlich, legte sie auf und sagte - sehr freundlich - "Guten Tag, einen kleinen Moment dauert es noch." Dann ging sie ins Sprechzimmer nebenan und untersuchte den kleinen Jungen und seinen Großvater.

Nach weiteren endlosen Minuten kam sie wieder. "Guten Tag gesagt hatten wir schon, oder?" Ich nickte, gab ihr trotzdem die Hand noch mal. Doppelt hält besser. Dann fragte sie mich, was mir den fehlte. Ich begann, meinen zurechtgelegten Satz herunterzuspulen. "Ich habe seit einigen Tagen starke Halsschmerzen, musste mich auch mehrfach übergeben..." "Jaja", unterbrach sie mich, "Das ist ein Infekt." Okay, dachte ich mir, leicht verärgert, dass sie mich nicht meinen Satz, den ich doch so lange geübt hatte, zu Ende aufsagen lassen hatte. Sie schaute mir in den Hals. "Ich habe auch Fieber", sagte ich noch. Sie nickte abwesend, tippte ein paar Dinge in ihren PC und erklärte, was sie mir verschrieb und wie ich es einnehmen sollte. Ich nickte und sagte "Okay". Sie gab mir noch meine Kartei in die Hand und damit war ich auch schon entlassen. Ich gab ihr die Hand, sagte "Auf Wiedersehen" und verließ den Raum.

Zurück an der Anmeldung, gab ich meinen Zettel - wieder schweigend - ab. Die Damen, die dort saßen, waren mir unsympathisch. Die Ärztin war freundlich gewesen, ja, aber die zwei... Sie sahen aufgemotzt aus und kicherten künstlich. Eine von ihnen gab mir mein Rezept. "Danke", presste ich heraus und ging zum Kleiderständer. Rasch zog ich mich an, setzte meine Mütze auf und wandte mich der Tür zu. "Auf Wiedersehen", murmelte ich, ohne zu wissen, ob die beiden es hören würden. Es war mir auch egal. Ich hatte mein Rezept, ich hatte es geschafft.

Ein bisschen stolz bin ich schon auf mich, auch wenn es nicht perfekt gelaufen ist. Dafür, dass es mein erster Arztbesuch war, seit ich 13 war - und damals hatte ich noch Mutti mit -, bin ich sehr, sehr stolz auf mich.
11.1.10 20:30


Mein Name ist Sara...

... und ich bin die, die niemandem auffällt. Ich bin die, die immer schweigend in der Ecke sitzt und zuschaut. Ich bin die, die ins Stottern gerät, wenn man sie anspricht, und bestenfalls dazu noch rot anläuft. Ich bin die, die immer im Schatten ihres großen Bruders steht - Denn er ist doch so redegewandt, so offen, so lustig. Ich bin die, die Panik bekommt, wenn sie ein Telefonat führen muss oder einen Arzttermin hat. Ich bin die, die am liebsten unter Tieren ist, weil die keine verletzenden Sachen sagen.

Ich bin die, die niemandem auffällt, weil ich still bin.

Und das hier ist mein Blog. Hier werde ich mich künftig auskotzen, ausheulen, aussprechen. Hier kommt alles hin, was mich beschäftigt, was mich aufregt, was mir Angst macht. Vielleicht treffe ich in den Weiten des Internets ja doch Menschen, die mich verstehen. Vielleicht auch Menschen, denen es ähnlich geht oder ging. Das wäre schön. Aber wenn nicht, ist es nicht schlimm - Denn ich bin hier, um einen Ort zu haben, wo ich hinkann, mit meinen Sorgen.
5.1.10 19:45


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