Ein Schritt voran und drei zurück

Ich habe das Gefühl, dass ich mich momentan einfach auf einem Tiefpunkt befinde. Dass ich viele, viele Schritte zurück gemacht habe, im Gegensatz zur Schulzeit.

Gestern hat mich mein Prof im Seminar etwas gefragt. Die Antwort wäre simpel gewesen, simpel und kurz. Ich hätte einfach nur den Mund auftun müssen und ein einziges Wort sagen müssen. Nur ein einziges Wort.

Trotzdem war ich wie gelähmt. Rechnete nach und nach und traute mich einfach nicht, die Antwort zu nennen.

Früher, in der Schulzeit, hatte ich damit überhaupt keine Probleme. Dort habe ich es zwar auch gehasst, wenn Fragen gestellt wurden, die lange Erklärungen als Antwort erforderten, und mich größtenteils darum gedrückt, aber kurze Antworten waren kein Problem. Da habe ich mich sogar manchmal freiwillig gemeldet, einfach so.

Das ist jetzt unvorstellbar für mich. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, kann die Ursache aber vermuten. Damals kannte ich meine Mitschüler, die größtenteils weiblich waren, mit einigen von ihnen war ich sogar gut befreundet. Meine Mitstudenten sind nun größtenteils männlich und mir nur flüchtig bekannt. Allerdings erinnere ich mich an Seminare am Anfang des Semesters, wo ich geantwortet habe, wo es mich nicht allzu sehr gestört hat. Und da saßen doch die selben Mitstudenten im Raum.

Wie auch immer - ich habe mich nun schon das zweite Mal in Folge schlicht und einfach geweigert, irgendetwas zu sagen. Das ist nicht gut und ich sollte es mir schnell wieder abgewöhnen...
19.1.10 19:57


Resumé

Es war... anstrengend. Ja, ich denke, das Wort anstrengend trifft es ganz gut. So viele Leute, mehr als die Hälfte davon unbekannt, der Rest z.T. nur flüchtig bekannt. So oft die Hand geben, "Hallo" sagen, freundlich lächeln.

Es war aber auch verletzend. Wenn meine Großtante, deren Feier es ja war, meinen Bruder ständig umarmt, gedrückt usw. hat, und dabei immer wieder laut und lachend sagte: "Mein lieber D." Mich behandelte sie wie immer eher halbherzig, umarmte mich nur dann, wenn es nötig war, wie bei der Begrüßung, bei der Geschenkübergabe etc. Als sie dann noch neben meiner Oma saß und zu ihr sagte: "Ich verstehe nicht, warum Sara nicht auch mal zu den beiden Mädels geht und mit denen quatscht", hätte ich am liebsten fluchtartig den Raum verlassen. Klar, meine beiden Großcousinen sind liebe Mädels, und das ein oder andere Wort habe ich ja auch mit ihnen gewechselt - eben wenn es sich ergeben hat. Aber zu ihnen hingehen, mir einen Stuhl heranziehen und mich dazu setzen? Kam gar nicht infrage, ich hätte auch nicht gewusst, was ich sagen sollte. Ich hörte meine Oma noch sagen "Dazu ist sie zu schüchtern", dann wandte das Thema sich wieder meinem Bruder zu. "Er ist da ganz anders", meinte meine Großtante, "von wem er das wohl hat."

Im Laufe des Tages/Abends wurde mein Bruder immer schlimmer. Mit steigendem Alkoholpegel stieg auch sein Bedürfnis, sich in den Vordergrund zu drängen und er konnte es mal wieder nicht lassen, einen auf Alleinunterhalter zu machen. So schlimm wie gestern war es glaub ich noch nie. Oder ich habe es einfach verdrängt. Alle bewunderten ihn, lachten mit ihm, während das stille Mäuschen immer fein mit der Kamera um ihn herumtanzen durfte, damit auch ja festgehalten wurde, woran er sich sonst vielleicht am nächsten Tag nicht mehr erinnern konnte. Er hat es natürlich geschafft, sich mit unseren Großcousinen zu unterhalten, warum sollte er auch nicht? Er ist ja auch normal, er ist ja auch das krasse Gegenteil von mir, das mir immer wieder zeigt, wie ich auch sein könnte, aber nie sein werde.

Manchmal habe ich mich gestern - wieder mal - gefragt, warum ich die scheiß Gene bekommen hab, und er die guten. Warum er so anders erzogen worden ist, als ich es bin. Eine Antwort auf diese Frage gibt es nicht, und ich konnte nichts tun, außer mir immer wieder zu sagen:

Jeder ist, wie er eben ist.

Und das ist doch gut so. Würde sich jeder so in den Vordergrund drängen wie er, dann gäbe es ja niemanden mehr, der sich unterhalten lässt. Der seinen Hunger auf Aufmerksamkeit stillt. Und wären alle so, wie ich es bin, dann bräuchten solche Feiern ja gar nicht mehr statt zu finden. Dann würde jeder in der Ecke sitzen und vor sich hinschweigen. Das wäre auch nicht richtig, irgendwie.
Aber das ist ja doch keine Antwort auf meine Frage, warum gerade ich die Schweigsame bin und er der Unterhaltungsclown...

Trot zallem ist mir noch etwas klar geworden: Ohne Alkohol geht es bei ihm auch nicht. Ohne Alkohol ist er auch anders, aber davon merken die anderen ja nichts, weil er sich bei jeder Gelegenheit betrinkt. Aber heute, ohne Alkohol, war er auf einmal ganz ruhig und in sich gekehrt. Und was nützt es mir, so zu sein, wenn ich dafür jedes Mal ein paar Drinks brauche?

Es war ein schwieriges Wochenende, ich bin froh, dass es jetzt vorbei ist. Dass ich jetzt wieder für mich bin, nachher gleich ins Bett gehen kann (Ich habe schlecht geschlafen, natürlich hat Brüderchen geschnarcht, so voll wie er war...) und mich morgen in Eriks Arme kuscheln und das Wochenende einfach vergessen.
17.1.10 20:55


Geburtstagsfeier.

Morgen ist es mal wieder soweit. Wir fahren zu einer Geburtstagsfeier, zu relativ weit entfernten Verwandten. Zum Teil kenne ich die dort Anwesenden gar nicht, zum Teil nur wenig.

Meine Großtante - es ist ihre Feier -, hat uns gebeten, ein bisschen etwas vorzubereiten. Mein Vater und Bruder kümmern sich um die Musik, meine Mutter und Oma haben eine Torte aus Klopapier und Pantoffeln aus Broten gebastelt. Mein Bruder und mein Vater werden die jeweiligen Gedichte dazu aufsagen. Ich werde nichts machen, obwohl ich natürlich mehrfach von meinem Bruder/Vater damit aufgezogen wurde. Ich sei dazu ja zu feige, und wenn jeder so wäre wie ich, würde es wieder eine total langweilige Feier werden, wo es nur ums Rumsitzen, Trinken, Essen und Quatschen gänge... Und so weiter eben.

Das stört mich aber nicht mal allzusehr. Ich habe eben einfach darauf bestanden, dass ich nichts aufsagen werde. Aber der Gedanke an den morgigen Tag bringt mir Bauchschmerzen. Zum einem natürlich mal wieder das Smalltalk führen, das dort wieder angesagt ist. Und zum anderen wird mein Bruder wieder keine Gelegenheit auslassen, sich in den Vordergrund zu stellen. Mir ging ja vorhin schon das Messer in der Tasche auf, als er sein Gedicht aufgesagt hat. Da war mir klar, wie das morgen wieder abläuft. Er führt die Wortgewandten Gespräche, macht Witze, bringt alle zum Lachen, sagt Gedichte auf, tanzt, . . . Und ich sitze eben einfach nur da, lächle, nicke, sage ab und an ein paar kurze Sätze, wenn mich jemand anspricht.

Ich habe keine Lust. Gesundheitlich geht es mir ebenso nicht gut, das dämliche Antibiotika, das ich bekommen hat, hat Nebenwirkungen. Und das Halsweh ist auch noch ab und an da. . . Am liebsten würde ich einfach hier bleiben, mich auf die bevorstehenden Prüfungen vorbereiten. Aber das geht nicht. Es ist doch Verwandschaft von Mutti, und die hat doch so wenig...
15.1.10 19:22


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