Ich will nicht.

Ich hätte mich nicht darauf einlassen sollen. Ich muss verrückt gewesen sein, mich auf etwas einzulassen, von dem ich noch nicht genau wusste, wie es werden wird. Wie es ablaufen wird. Wir hätten doch einfach den Standardweg einschlagen können. Das wäre mit Sicherheit leichter gewesen, leichter, für mich.

Dann hätten wir uns heute nicht mit dem Prof im Gruppengespräch treffen müssen und eine Diskussion führen. Eine bewertete Diskussion, in der es darauf ankommt, wer wie viel sagt und vor allem was er sagt. Nein. Hätten wir den Standard Weg eingeschlagen, dann wären wir auf uns allein gestellt, könnten unsere Zeit frei einteilen und müssten nur innerhalb der Gruppe diskutieren. Ohne Prof. Ohne Beaufsichtigung. Ohne Bewertung.

Aber wir haben uns nicht für den Standardweg entschieden. Und deswegen habe ich solche Angst, dass ich heute die einzige bin, die nicht mit diskutiert, die nichts sagt - weil ich es nicht kann.
5.10.10 14:41


Autofahrt.

Morgen fahre ich die 100km zu Erik nach Hause das erste Mal allein. Ich bin die Strecke unterdessen schon zig Mal mitgefahren, habe dabei immer gut aufgepasst, bin sie sogar schon zweimal selber gefahren, aber da ist Erik auch vor mir langgefahren.

Und ich bin nervös. Auto fahren ist eben eine Sache für sich. Auch wenn ich die Strecke eigentlich kenne. Ich weiß doch trotzdem nie, ob etwas unvorhergesehenes passiert, und ich kenne mich bei ihm in der Gegend nicht sonderlich aus, kann also auf Umleitungen, Baustellen usw. nur schlecht reagieren. Ich habe Angst, einen Fehler zu machen, der vllt andere und mich gefährdet. Ich habe aber sogar ein Navi dabei, es kann also nichts schief gehen - auch wenn ich noch nie mit Navi gefahren bin und diesbezüglich auch etwas Angst habe.

Umgekehrt, also von Erik zu mir bin ich die Strecke dagegen auch schon ganz allein gefahren - aber das ist ja etwas anderes. Da fahre ich schließlich vom nicht vertrauten ins vertraute Gebiet. Ich weiß, wo ich mein Auto abstellen kann. Und ich weiß auch, dass nur jemand von meiner Familie öffnet, wenn ich klingle.

Diesmal ist es anders. Diesmal kommt zu der Fahrt noch der Stress, wo ich mein Auto bei ihm hinstellen kann und ob er selbst öffnet, wenn ich klingel, oder ob vllt seine Schwester oder - schlimmer - seine Eltern öffnen. Davor hab ich Angst, weil ich mich doch nach all der Zeit immer noch nicht so richtig an sie gewöhnt habe.

Andererseits freu ich mich so drauf, dass er mich in siene Arme schließt. Sonst hätte ich diese Fahrt wohl gar nicht auf mich genommen, aber es geht nun mal nicht anders und es wird schon alles irgendwie gut gehen.

Wie immer.
20.2.10 22:57


Same shit, different day.

Ich habe die Worte, die ich sagen möchte, im Kopf. Habe sie schon laut durchgesprochen. Bin den Ablauf schon mehrmals im Kopf durch gegangen. Ich weiß im Grunde, dass mir nichts passieren kann. Und trotzdem bin ich wie gelähmt, kann schon den ganzen Tag nichts essen und werde von zusätzlichen Bauchkrämpfen geplagt.

Es ist so, wie es auch kurz nach Weihnachten schon war, als ich beim Arzt war. Meine eigentlichen Beschwerden habe ich auch damals schon kaum noch gemerkt - Ich spüre im Moment nur Herzrasen, Bauchkrämpfe, Angst. Der Grund, weshalb ich diesen Arzttermin überhaupt gemacht habe, meine eigentlichen Beschwerden, scheinen wie weggeblasen. Am liebsten würde ich dort anrufen - wenn ich denn telefonieren könnte, was ich aber nicht kann -, und sagen: "Ich brauch' heut nicht mehr kommen, mir geht es wieder gut." Aber ich weiß, dass meine Angst, meine Bauchschmerzen und mein Herzrasen dann nachlassen würden und ich meine richtigen Beschwerden wieder spüren würde.

Also nützt es nichts. Ich muss heute dahin. Muss den Rest des Tages mit klopfenden Herzen, Kloß im Hals und Magenschmerzen warten. Warten, dass es endlich 15Uhr ist, und ich meine Chipkarte an der Anmeldung abgeben kann. Und sagen kann "Hallo, ich habe einen Termin." Ja, genau das werde ich sagen, denke ich. Dann werde ich meine Praxisgebühr bezahlen und sagen: "Ich brauche auch eine Überweisung zum Hausarzt." Danach werde ich versuchen, freundlich zu lächel, wenn mir gesagt wird, dass ich mich ins Wartezimmer setzen soll und dass es ein Weilchen dauern kann. Anschließend werde ich wieder warten, warten, warten. Die anderen Leute zählen, die vor mir dran sind. Und immer, wenn die Zahl kleiner wird, ein Stück nervöser werden. Wahrscheinlich werde ich mehrfach zur Toilette gehen müssen, oder ich werde nur einmal gehen, und mir die ganze Zeit den Kopf darüber zerbrechen, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist. Nicht zu früh, aber auch nicht zu spät. Irgendwann, nach einer kleinen Ewigkeit, werde ich aufgerufen werden. Dann werde ich in eine der beiden Kabinen gehen, vllt in die, in die ich immer gehe, und dort werde ich dann weiter warten. Bis ich endlich zum Arzt darf. "Guten Tag", werde ich sagen, vielleicht auch "Hallo", da ich den Arzt ja schon eingie Male gesehen habe und er nett ist und mich so freundlich anlächelt. Dann werde ich mich setzen, und ihm mit einem auswendig gelernten Satz meine Beschwerden erläutern. Und dann...

Ab hier reißt der Film in meinem Kopf ab. Ich weiß nicht, wie es an dieser Stelle weiter gehen wird, kann es nur ahnen. Vielleicht werde ich gleich nach diesem Satz untersucht, vielleicht - was mir eher wahrscheinlich erscheint - muss ich noch einige Fragen beantworten. Ich habe mir überlegt, was er mich fragen könnte, und hab mir Antworten zurecht gelegt. Natürlich könnte er mich aber auch noch etwas anderes fragen, etwas, worauf ich nicht sofort eine Antwort habe. Dann könnte ich ins Stottern geraten, aber selbst wenn. Ich lächle einfach, zähle bis 3, und dann antworte ich. Irgendwann, vielleicht schon nach 10 Minuten, werde ich wieder nach draußen gehen dürfen. Dann gehe ich noch an die Anmeldung, hole mir meine Rezepte ab, ziehe mich an und verlasse - so schnell wie möglich - die Praxis.

Und spüre, dass ich noch lebe, dass ich es überlebt habe. Ich werde es überleben, das weiß ich. Es wird mich nicht umbringen, sondern stärker machen. Nachdem ich noch ein paar Mal geübt habe, gehe ich dann ganz normal zum Arzt, ohne vorher oder hinterher darüber zu bloggen. Ich tue es einfach, wie jeder andere - weil es eben zum Leben dazu gehört.

Und trotzdem habe ich Angst und freu mich so auf den Moment, an dem ich heute Abend wieder da bin und hier hin schreiben kann: Geschafft!


DONE! Und es war - wie erwartet - nur halb so schlimm...
4.2.10 13:43


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